Verantwortung verpflichtet!

Liebe Handwerkskolleginnen und Handwerkskollegen,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Handwerkskammer,

seit fast einem Jahr bin ich nun erst als Vizepräsident und seit diesem Sommer auch als Präsident der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen im Amt und mit jedem Tag stelle ich fest: Es gibt viel zu tun! Und es ist nicht allein der Adventszeit und der viel zitierten inneren Einkehr geschuldet, dass ich einige persönliche Worte an Sie richten möchte. Es sind die Themen unserer Zeit, die mich beschäftigen - vermutlich genauso wie Sie.

Es muss Anfang April diesen Jahres gewesen sein, als ich auf einen Artikel im Onlineportal der Tageszeitung "Die Welt" aufmerksam geworden bin. Unter der Überschrift "Warum sollen wir eigentlich noch arbeiten?" nahm man Bezug auf eine Reportage über eine freiwillige Hartz IV-Empfängerin, die einige Tage zuvor in der "Welt am Sonntag" eine heftige Debatte ausgelöst hatte: über Arbeit, Faulheit und den Sinn des Lebens. In über eineinhalb Stunden unterhielt sich die besagte Person mit vielen Lesern - einige bekundeten ihre Zustimmung und Anerkennung, andere wiederum bezichtigten sie der Faulheit und Betrügerei. Einer schrieb: "Für mich - und die meisten anderen Menschen wohl ebenfalls - ist dieser Fall nichts weiter als Faulheit. Oder Frechheit." Darauf entgegnete die Hartz IV-Empfängerin: "Es ist sowohl faul als auch frech - aber es ist eben auch frei."

Sie können sich vorstellen, dass diese Äußerung durchaus Erstaunen in mir hervorrief. Sicherlich eine ganz eigene Interpretation der Dinge, die ich als Handwerksmeister mit eigenem Betrieb und einer Familie, für die ich verantwortlich bin, sicherlich nicht teile. Dennoch hat der Artikel mich angeregt über den Aspekt der Freiheit nachzudenken und ich habe mich gefragt, was macht mich frei ohne zur gesellschaftlichen Ausnahmeerscheinung werden zu müssen. Für mich haben in diesem Zusammenhang die Begriffe Verantwortungsbewusstsein, moralisches Handeln und Berufsethos eine ganz zentrale Bedeutung.

Im Lauf manches Berufslebens nimmt die Verantwortung einen immer größeren Stellenwert ein. Für die meisten von uns ist dies aus gleich mehreren Gründen angenehm, denn: Berufliche Verantwortung verleiht Ansehen und bringt auch anderweitige Vorteile mit sich. Wer beispielsweise einen Betrieb oder eine Abteilung leitet oder über die Einstellung von Mitarbeitern maßgeblich entscheidet, ist von manch unangenehmen Zwängen befreit und verfügt über einen weitaus größeren Entscheidungsradius. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite besteht daraus, dass Verantwortung auf eine Art und Weise verpflichtet, sich selbst und das eigene Handeln in vielerlei Hinsicht zu überprüfen. Entscheidet jemand selbst über seine Termine, Pflichten und Rechte, so muss er beispielsweise bei einer Reise sehr genau abwägen: wann hört das Berufliche auf und wann fängt das Private an. Etwas anderes ist es, wenn jemand seine beruflichen Reisen von einem Vorgesetzten bewilligen lassen muss. Im ersten Fall muss er sich zum Beispiel fragen, ob ein privater Aufenthalt während einer beruflichen Reise die Übernahme der Reisekosten durch den Arbeitgeber zulässt. Im zweiten Fall kann er sich darauf freuen wenn sein Vorgesetzter darüber großzügig - vielleicht als Belohnung - entscheidet. Der Unterschied liegt darin, dass "sich-selbst-belohnen", meiner Auffassung nach, einfach nicht geht. Und es hat auch nicht denselben Effekt, denn die durch die sogenannte "Selbstbelohnung" erhoffte Zufriedenheit stellt sich nicht ein und sie macht weder frei, geschweige denn glücklich.

Ich persönlich übernehme gern Verantwortung und freue mich, die mir dadurch zur Verfügung stehende Freiheit in den Dienst des Südniedersächsischen Handwerks und in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Verantwortung verpflichtet uns zum moralisch richtigen Handeln. Das muss das immerwährende Ziel sein, ungeachtet dessen, ob es uns auch immer gelingen möge.

Im Handwerk geht die Demut stets der Ehre voraus. Zuletzt hat sich das Südniedersächsische Handwerk um den Ruf verdient gemacht, dass es denjenigen, die das Fragen nach Würde, Freiheit und Gerechtigkeit nicht aufgegeben haben, stets eine ehrliche Antwort gegeben hat. Und so sollten wir dem Grundgedanken verbunden bleiben, dass der Weg in die Freiheit niemals an ein Ende führen kann, das sich nicht schon bald als ein neuer Anfang entpuppen könnte. Das erfordert den Mut zur Reflexion, den Mut dazulernen und eigenverantwortlich handeln zu wollen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine besinnliche Adventszeit, ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start ins neue Jahr. Möge Gott mehr denn je das ehrbare Handwerk schützen.