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Handwerk muss Europa mitgestalten

Bürokratieentlastungen, Verteidigung des Meisterbriefs, Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen - das Handwerk hat nicht nur einen guten Grund für den Urnengang am 26. Mai. Delfino Roman, Präsident der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen, spricht im Interview über die Bedeutung der Europawahl 2019 für das Südniedersächsische Handwerk.

Herr Roman, die Wahlbeteiligung in Deutschland ist bei Europawahlen traditionell niedrig. Warum ist das so und was sind die Konsequenzen für das Handwerk?
Die Wahlbeteiligung ist nicht nur in Deutschland niedrig, sondern auch in anderen EU-Staaten. Grundsätzlich hat es die Politik in den vergangenen Jahren verschlafen, den Bürger*innen die Vorzüge eines friedlichen und geeinten Europas zu vermitteln. Das ist absolut bedauerlich. Wenn wir rein ökonomisch auf abgeschaffte Grenzen, Zölle und Roaming-Gebühren schauen, sind wir alle Profiteure der EU. Auch das Handwerk. Doch leider verbinden viele Bürger*innen das politische Wirken Brüssels mit Gesetzen zur erlaubten Krümmung von Salatgurken. Hinzu kommt eine zum Teil berechtigte Skepsis gegenüber neuen Gesetzen und Maßnahmen aus Brüssel, die insbesondere dem Handwerk den Arbeitsalltag erschweren. Und genau das ist der Knackpunkt: Es ist für das Südniedersächsische Handwerk sehr wichtig bei dieser Europawahl zur Urne zu gehen. Wir brauchen Politiker*innen in Brüssel, die die Besonderheiten des Wirtschaftsstandortes Deutschland sowie die des ländlichen Niedersachsens kennen und unsere handwerkspolitischen Forderungen einbringen.

Die Besonderheiten Deutschlands beziehen sich auf die duale Bildung und die Meisterpflicht?
Ja, unser einzigartiges duales Ausbildungssystem und der Meisterbrief sind die Herzkammern der deutschen Wirtschaft. Wir brauchen bei Migration, Sicherheit und Klimawandel mehr Europa aber ausdrücklich nicht in bildungspolitischen Fragen wie dem in der Handwerksordnung geregelten Berufszugang, also der Meisterpflicht. Was Deutschland besser regeln kann als die EU, das soll Deutschland auch selbst regeln dürfen. So wie auch alle anderen EU-Mitgliedsstaaten ihre Eigenheiten auf nationaler Ebene regeln sollten. Die Meisterqualifikation steht für nachhaltiges Unternehmertum, engagierte Ausbildung, hohe handwerkliche Güte und gelebten Verbraucherschutz. Wir haben mit Dienstleistungspaket und -karte in den vergangenen Jahren gleich zwei Versuche der Unterwanderung unserer Meisterpflicht erfolgreich abgewehrt. Leider müssen wir uns immer wieder auf neue Angriffe  einstellen, die einen angeblich besseren europäischen Wettbewerb als Motiv für die Abschaffung des Meisters anführen. Auch hier ist es für das deutsche Handwerk wichtig, gewählte Fürsprecher*innen in Brüssel zu haben, die anderen Politiker*innen mit Nachdruck erklären, dass der Meisterbrief zu Deutschland gehört wie die Pizza zu Italien.

Sie haben EU-Gesetze und Maßnahmen erwähnt, die dem Handwerk das Leben schwer machen. Was genau meinen Sie damit?
Das Thema Bürokratie belastet insbesondere die kleinen und mittelständischen Betriebe. Als Inhaber eines Steinmetzbetriebes kann ich ein Lied davon singen. Es kann nicht sein, dass wir Betriebsinhaber*innen uns immer mehr mit Dokumentationen und Vorschriften herumschlagen müssen und unser Handwerk und unsere Kunden auf der Strecke bleiben. Daher haben Ehren- und Hauptamt der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen die Bürokratieentlastung zum politischen Schwerpunkt für das Jahr 2019 erklärt. Es geht darum, den Abgeordneten, die von Niedersachsen aus nach Brüssel gehen, eines ganz klar zu vermitteln: Traut dem Handwerk etwas zu. Nicht alles muss gesetzlich geregelt, in einen Paragraphen gegossen und mit Dokumentationspflicht versehen werden. Die Politik hat die Aufgabe den Betriebsinhaber*innen die Freiräume zu schaffen, die sie brauchen. Wir planen diesbezüglich auf lokaler Ebene und in Kooperation mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) und den Kreishandwerkerschaften Diskussionsrunden mit betroffenen Betriebsinhabern, die von ihren Erfahrungen mit dem bürokratischen Burnout berichten sollen. Diese praxisnahen Beispiele leiten wir direkt an die Politik weiter.

Südniedersachsen ist in großen Teilen ländlich geprägt. Welche Rolle spielt die EU bei der Förderung dieser Regionen?
In der kommenden Legislaturperiode wird die gezielte und unbürokratische Regionalförderung zur Stärkung der ländlichen Räume ein sehr wichtiges Thema für uns. Es wird künftig noch viel wichtiger mit unseren Interessen und Forderungen direkt an die Politik heranzutreten. Durch den EU-Austritt Großbritanniens werden die EU-Fördermittel weniger. Die Handwerksorganisation muss zusammen mit dem Spitzenverband und den Vertretern in Brüssel verhindern, dass künftig nur noch Unternehmensförderungen von KMU auf Innovationsvorhaben bewilligt werden. Das hätte zur Folge, dass die für unsere strukturschwachen Regionen wichtigen Zuschussfördermöglichkeiten für Gründungen, Betriebsübernahmen, -erweiterungen und -modernisierungen keine Berücksichtigung mehr finden würden. Das wäre eine absolute Katastrophe und könnte viele junge Menschen abschrecken, einen Betrieb zu übernehmen oder zu gründen. Die Breitbandversorgung in ländlichen Regionen ist darüber hinaus ein Dauerbrenner. Da müssen wir gegenüber der EU standhaft bleiben. Und ja, das Handwerk braucht 5G an jeder Milchkanne.

Auch das Thema Fachkräfte ist ein Dauerbrenner für die Betriebe. Was kann Europa für sie tun?
Das Handwerk hat in den vergangenen Jahren keine Mühen gescheut, das Thema Fachkräfte auch ganz ohne die EU anzupacken. Ich erinnere an dieser Stelle gern daran, dass rund die Hälfte aller Auszubildenden aus Asylzugangsländern eine Lehre im Handwerk absolviert. Hier haben viele Ausbildungsbetriebe weit mehr als die üblichen Anstrengungen unternommen, damit die betriebliche Eingliederung ihrer zukünftigen Mitarbeiter*innen gelingt. Aber wir wissen alle, dass Geflüchtete allein unser Problem nicht lösen werden. Wir brauchen wettbewerbsfähige Unternehmen mit gut ausgebildeten Fachkräften aus EU- und Nicht-EU-Ländern, die vergleichbare Berufsbildungsstandards haben. Das Handwerk möchte eine gesteuerte Zuwanderung von qualifizierten ausländischen Fachkräften nach Deutschland. Hier ist auch die Bundesregierung gefordert, die mit einem Eckpunktepapier für ein Einwanderungsgesetz den ersten wichtigen Impuls gesetzt hat. Wir wollen gezielt fachlich und beruflich Qualifizierte anwerben und dafür die Verfahren vereinfachen und Regelungen übersichtlicher gestalten.

Brexit, Populismus, Misstrauen – die EU steckt in einer Vertrauenskrise. Wie schaffen wir wieder mehr Akzeptanz?
In erster Linie über das Gefühl, dass uns allen ein starkes Europa gut tut. Das erreicht man am besten, indem Europa Lösungen für die großen Herausforderungen bietet und nicht noch mehr Probleme schafft. Darum ist es wichtig, dass wir als Stimme des Südniedersächsischen Handwerks unerlässlich unsere Ideen und Forderungen an die gewählten Abgeordneten herantragen. Dafür brauchen wir den praxisnahen Input unserer Mitgliedsbetriebe. Scheuen Sie sich nicht, liebe Betriebsinhaber*innen, mit den Mitarbeiter*innen der Kammer, ganz gleich ob aus Wirtschaftsförderung, Beruflicher Bildung oder Pressestelle ins Gespräch zu kommen und Ihre ganz eigene Sicht auf die Herausforderungen des betrieblichen Alltags zu schildern. Die Wirtschaftsmacht von nebenan braucht Sie um Europa mitzugestalten.

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Stefan Pietsch

Pressesprecher

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